„Wenn die Raubfliege der Greifvogel unter den Insekten ist, dann sind Eintagsfliegen ihr komplettes Gegenteil: keine Jäger, keine Krieger, sondern zerbrechliche Wesen, die nur einen einzigen Zweck verfolgen – sich fortzupflanzen, bevor die Zeit abläuft. Und die läuft wirklich ab: Ihre Mundwerkzeuge sind zurückgebildet, der Darm funktionslos. Fressen steht nicht mehr auf dem Programm, nur noch fliegen, tanzen, sich paaren. Schon die alten Griechen fanden das bemerkenswert genug, um sie zum Sinnbild der Vergänglichkeit zu machen – wobei „ein Tag“ eigentlich untertrieben ist: Den Löwenanteil ihres Lebens verbringen sie als Larve unter Wasser, manchmal über Jahre. Das, was wir vor der Linse haben, ist quasi nur der Nachspann.
Im Makro zeigt sich dann, warum sich der Aufwand trotzdem lohnt: diese hauchdünnen, geäderten Flügel, die wie kleines Glaswerk wirken, die langen Schwanzfäden, die großen Facettenaugen. Und dann ist da noch dieser eine Moment, den man als Fotograf nur mit viel Geduld – oder viel Glück – erwischt: die zweite Häutung. Denn Eintagsfliegen sind die einzigen Insekten, die schon geflügelt noch einmal aus ihrer Haut schlüpfen. Als hätten sie sich beim ersten Anlauf nicht ganz getraut, richtig erwachsen zu werden. Aus dem noch milchig-trüben Subimago-Kleid schält sich das klare, glasige Finale – ein Umzug in Zeitlupe, mitten in der Luft zwischen zwei Leben.
Fotografisch sind sie damit ziemlich genau das Gegenprogramm zur Raubfliege: kein stoischer Ansitz, kein Warten auf den perfekten Absprung, sondern zerbrechliche Eleganz auf Zeit. Diese Serie zeigt, was von diesem einen Tag übrig bleibt, wenn man genau genug hinschaut.“
Clausthal und andere • Focus Stacking • ab 2020 • Raubfliegen und Details











